Der Präsidentschaftswahlkampf aus Sicht der Europäer (1/5)
Der Präsidentschaftswahlkampf aus Sicht der Europäer (1/5)
Sie sind Europäer, Frankreich ist ihre Wahlheimat. Das Wahlrecht für die Präsidentschaftswahl haben sie nicht , nehmen dafür aber regen Anteil an der Politik ihres Gastlandes: mal überrascht, mal erfreut und mal schockiert über die Themen, die die Franzosen bewegen. Fünf Europäer kommentieren fünf Themen, die im französischen Präsidentschaftswahlkampf immer wieder auftauchen: das Schulsystem, die Europapolitik, Umweltfragen, die Zukunft der Landwirtschaft und die Frage des Kinderwunsches homosexueller Paare.
Erste Episode: Die Finnin Riitta kritisiert das französische Schulsystem
Natürlich haben wir aus gutem Grund eine Finnin gewält, um über den Schulalltag in Frankreich zu sprechen. Gleich zweimal wurde Finnland PISA Weltmeister, in keinem anderen Land schliessen die Kinder die Schule so erfolgreich ab. Frankreichs Schüler belegten bei dem Weltvergleich 2003 nur Platz 16 für Mathematik, Platz 17 im Lesen uhd Platz 13 in den Wissenschaften. Dabei gilt das französische Schulsystem als eines der leistungsbezogensten und härtesten in Europa, das besonders Konkurrenzdenken und hirarchisches Bewusstsein fördert. Ganz im Gegensatz zur finnischen Schulphilosophie.
Vielleicht könnten auch die Franzosen etwas von den Finnen lernen. Im hohen Norden werden die Kinder erst mit 7 eingeschult, sitzenbleiben gibt es nicht: wichtiger als die Einzelleistung sind in Finnalnd das Resultat und Fortkommen der gesamten Klasse. Schulschluss ist täglich um 13 Uhr und trotz der Fülle an Freizeit wird auch in der Schule Wert auf Kunst, Sport und andere manuelle Fächer gelegt.
Finnlands vielgelobtes System funktioniert natürlich auch darum so gut, weil es 13 mal weniger Schüler zu versorgen hat als das französische. Und in den finnischen Klassen sitzen durchschnittlich 20, in den französischen 30 Schüler.
Unser Portrait : Riitta aus Finnland
Riitta Hyttinen lebt seit 20 Jahren in Frankreich. Von ihrem französischen Mann lebt sie heute getrennt und zieht ihre zwei Kinder alleine in einem Pariser Vorort groß. Beide besuchen eine französiche Schule, ihr Sohn ist in der 9., ihre Tochter in der 6. Klasse. Riitta ist Übersetzerin und liebt die französische Kultur und Sprache. Jedoch hat diese Liebe einen Kratzer bekommen, seit sie und ihre Kinder mit dem französischen Schulsystem ringen: « Wenn ich mich heute manchmal nach Finnland zurücksehne und sogar mit dem Gedanken spiele, zurückzuziehen, dann liegt das hauptsächlich an meiner Erfahrung mit der französischen Schule".
Seit der Vorschule gehen ihre Kinder auf eine Privatschule, nicht etwa, weil sie ihnen eine Eliteausbildung ermöglichen will, sondern aus Angst vor dem Ton und den Anforderungen in den öffentlichen Schulen. Die französischen Lernfabriken wirken auf sie kalt und unfreundlich, besonders für Kleinkinder. Denn anstatt mit 7 wie in Finnland, ist es in Frankreicn normal, seine Kinder ab 3 den ganzen Tag in die Vorschule zu schicken.
Zu viele Hausaufgaben, zuviele Fächer und Stunden, zuviel Leistungsdruck: so lauten Riittas Vorwürfe gegenüber dem französischen Schulsystem. Für sie steht fest »Hier geht es immer zuerst um die Leistung und nicht um das Wohl des Kindes ».
Erstausstrahlungstermin:
Mi, 22. Feb 2012, 12:45
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